Sonntag, 18. Mai 2008

Konflikt fördernd: Palmöl aus West-Papua

„Ihr habt kein Recht, uns unser Land wegzunehmen!“
Konflikt fördernd: Palmöl aus West-Papua
von Marianne Klute
(erschienen in: In die Welt für die Welt. Magazin der Vereinten Evangelischen Mission 3/2008; Mai 2008)
Alberth Moyouend zeigt auf ein großes Rechteck auf der Karte. „Hier sollen die Plantagen mit Ölpalmen entstehen. Mehr als eine Million Hektar!“ Alberth ist der Vorsitzende der Indigenen-Vereinigung im Distrikt Merauke in Papua, im östlichsten Zipfel von Indonesien, an der Grenze zum Nachbarstaat Papua-Neuguinea. West-Papua gehört erst seit 1969 zu Indonesien. Damals ließ Indonesien einige ausgewählte Stammesführer über die Integration in den Einheitsstaat entscheiden. Alle stimmten – unter Zwang - mit „Ja“. Seither herrscht Indonesien mit harter Hand in West-Papua.
In diesem entlegenen Teil des indonesischen Archipels, acht Stunden Flug von der Hauptstadt Jakarta entfernt, kaufen zurzeit Palmölkonzerne in großem Stil Land auf. Ihre Pläne beunruhigen Alberth: „Nicht nur hier im Süden , sondern auch im Norden und Westen will die Regierung Ölpalmplantagen anlegen lassen, insgesamt auf fünf Millionen Hektar.“

Nachfrage nach Palmöl steigt
Die Nachfrage nach Palmöl ist seit zwei Jahren stark gestiegen, da die Industriestaaten sich zum Ziel gesetzt haben, einen Teil ihres Energie- und Treibstoffbedarfs mit erneuerbaren Energien zu decken. Dazu gehören auch Pflanzenöle für Blockheizkraftwerke und „Bio“diesel.
Schon heute ist Indonesien Weltführer der Palmölproduktion. Ausgedehnte Monokulturen bestimmen das Bild Sumatras und Borneos. Hier stand Urwald, hier lebten Menschen. Indonesien plant, zu den sieben Millionen Hektar vorhandenen Plantagen nun weitere zwanzig Millionen Hektar zu erschließen. Jetzt geben sich sogar im entlegenen Papua die Investoren die Klinke in die Hand, um das notwendige Land zu erwerben.
Auf dem Papier scheint Papua über genug Land zu verfügen, auf dem für unseren hohen Energiebedarf Palmöl produziert werden soll. Auf den 400.000 km2 leben nur 2,5 Millionen Menschen. Die Hälfte davon sind Fremde aus anderen Teilen Indonesiens. Mit dem staatlichen Transmigrasi-Programm sind arme Bauern aus Java nach Papua umgesiedelt worden, haben den Urwald gerodet und, oft vergeblich, Felder angelegt. Fremde Nicht-Papua bestimmen Verwaltung und Handel. Papua ist der „wilde Westen“ Indonesiens und hat für den Staat enorme wirtschaftliche Bedeutung, denn es ist reich an Gold, Kupfer und anderen Mineralien, an Öl, Gas und Holz. Die weltgrößte Gold- und Kupfermine des amerikanischen Konzern Freeport-McMoran ist Indonesiens wichtigster Steuerzahler.
Von den hohen Gewinnen spüren die Papua kaum etwas. Nirgendwo sonst in Indonesien hat die Bevölkerung so schlechten Zugang zu Schulen und Ärzten. Nirgendwo sonst herrscht so viel Angst und Gewalt, denn die Armee sichert die Ausbeutung der Ressourcen. Im Gebiet der Freeport-Mine sind permanent 1000 Soldaten stationiert, die den Goldabbau vor den von ihrem Land vertriebenen Einheimischen „schützen“. Militär findet sich bis ins letzte Dorf, nicht nur bei den für den Staat vitalen Großindustrien. Alberth erzählt nicht, dass die Militärs in seinem Heimatort regelmäßig „Gebühren“ einziehen. Die Dorfbevölkerung, die nur von Subsistenzlandwirtschaft und der Jagd lebt, weiß sich nicht anders zu helfen, als selbst zur Kettensäge zu greifen.
Im Vergleich mit den anderen Inseln Indonesiens besitzt Papua noch viel Wald. Doch der Kahlschlag hat hier seinen Tribut gefordert, besonders seit dem Jahr 2000 wird massiv abgeholzt. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, hat Papua in zwölf Jahren keinen Tieflandregenwald mehr. Täglich stechen Schiffe in Richtung China in See, beladen mit Merbau-Holz. Allein in der südchinesischen Provinz Hainan sind seit dem Jahr 2000 mehr als fünfhundert neue Holz verarbeitende Fabriken aus dem Boden gestampft worden. Hier wird das Merbau für den Weltmarkt zu Parkettböden und Gartenmöbeln verarbeitet. Internationale Konzerne, lokale Politiker und Militärs - alle sind in das Geschäft verwickelt.

Gewalt ist Alltag in West-Papua
„Wir wissen, dass die Plantagenfirmen nur den Wald vernichten. Dann bleibt uns nichts mehr“, sagt Alberth. Alberth hat Recht. Ein Trick der Holzmafia besteht darin, sich eine Plantagenkonzession zu verschaffen. Nur ein Bruchteil davon ist bisher tatsächlich bepflanzt worden. Noch gibt es wenige Plantagen auf Papua, und die Erfahrungen mit ihnen sind schlecht: Weil der Wald weg ist, kommt es häufig zu Überschwemmungen und Erdrutschen. Weil die Artenvielfalt durch Herbizide und Dünger zerstört ist, leiden viele Papua unter Mangelkrankheiten und Hunger.
Die Palmölindustrie versucht, über die Kirchen Zustimmung zu den Megaprojekten zu erhalten, indem sie verspricht, Schulen und Straßen zu bauen und einheimische Papua einzustellen. Genau das würde sich der Bischof wünschen. Pater Kees aus Boven Digul, wo ebenfalls eine Megaplantage entstehen soll, sieht diese Annäherungsversuche mit großer Sorge, denn die Papua könnten weiter an den Rand gedrängt werden. „Agroindustrie in großem Stil könnte all unsere Bemühungen um Frieden noch weiter gefährden“, heißt es in Kirchenkreisen.
„Ich sage den Unternehmen und der Regierung: ihr habt kein Recht, uns unser Land wegzunehmen!“, sagt Albert entschlossen. Das erfordert Mut, denn in West-Papua ist Gewalt Alltag. Mitte 2007 lauerten ihm zwei Schläger auf, nachdem Alberth in seinem Distrikt Protest gegen die Abholzungsvorhaben eingelegt hatte. Alberth ist wütend, dass die Verträge ohne Beteiligung der betroffenen Menschen abgeschlossen werden. Diese haben keine Ahnung, was auf sie zukommt. Er befürchtet, dass noch mehr Papua im Elend von AIDS und Alkoholismus enden werden.
Wer den Verlust der Lebensgrundlagen vermeiden kann, ist trotzdem nicht vor Verachtung und Rassismus geschützt. Das musste Rudi Pagawak erfahren, Arbeiter auf einer Ölpalmplantage bei der Hauptstadt Jayapura. In der Abenddämmerung des 1. November 2007 eilte er zum Telefonkiosk auf der Plantage des Konzerns Sinar Mas und versäumte, die dort stationierten Soldaten zu grüßen. Einer der Soldaten schlug Rudi zu Boden. Dann tauchte er ihn in ein Wasserbassin. Drei Stunden später war Rudi, erst 23 Jahre alt, tot.

„Bio“diesel aus Palmöl – Gefahr für Menschen und Tropenwald Indonesiens

WENDEKREIS, Nr. 10, Oktober 2007
„Wovon sollen wir leben?“
„Bio“diesel aus Palmöl – Gefahr für Menschen und Tropenwald Indonesiens

Nuzuls Blick schweift über endlose Reihen von jungen Ölpalmsetzlingen. „Hier war unser Land und unser Wald. Vor ein paar Monaten fand ich alle Pflanzen ausgerissen und unsere Gummibäume abgehackt. Wir haben unser Land verloren.“ Nuzul stammt aus dem Dorf Aruk in West-Kalimantan, einer Provinz auf der Insel Borneo, nahe der indonesisch-malaysischen Grenze. Hier entstehen großflächige Plantagen für die Produktion von Agrotreibstoff („Bio- Diesel“) aus Palmöl. West-Kalimantan ist eines von vielen Gebieten, in denen die bäuerliche Bevölkerung und die Indigenen mächtigen Palmölunternehmen gegenüberstehen. Die Menschen müssen den ehrgeizigen Plänen der Regierung, Indonesien zum bedeutendsten Exporteur von Palmöl zu machen, weichen.
Neuer Boom beim Palmöl
400.000 Hektar Ölpalmplantagen gibt es schon in der Provinz. Zehnmal so viel sollen es nach dem Willen des Gouverneurs werden. In ganz Indonesien sind 20 Millionen Hektar Ölpalmplantagen geplant, eine Fläche fünfmal so gross wie die Schweiz. Damit reagiert Indonesien auf die Nachfrage Europas und Chinas nach nachwachsenden Rohstoffen für die Erzeugung von Strom, Wärme und Treibstoff. Der Grund: Klimaveränderung und Verknappung von Erdöl führen zu einer Umorientierung der Energiepolitik. Die EU-Kommission hat zum Beispiel beschlossen, bis 2020 den Anteil von Agrodiesel im Dieseltreibstoff auf 10 Prozent zu erhöhen. Europa hat aber nicht genug Ackerflächen, um ausreichend Raps Pflanzen anzubauen.
Die wichtigsten Erzeugerländer liegen daher im globalen Süden. Indonesien ist bereits führender Produzent des preiswerten, aus den roten Früchten der Ölpalme gepressten Palmöls. Malaysia und Indonesien beherrschen mit zusammen 85 Prozent den globalen Palmölmarkt. Hauptabnehmer waren bisher die Lebensmittel- und Kosmetikindustrien. Nun bewirkt die Neuausrichtung von Energie- und Klimapolitik dem indonesischen Palmölsektor einen neuen Boom. Indonesische Politiker spekulieren, die arabischen Staaten als Öllieferanten abzulösen zu können. Dafür müssen neue Flächen „erschlossen“ werden. Umfangreiche Abkommen mit multinationalen Unternehmen sind bereits unter Dach und Fach. Dazu gehören Planungen von Plantagen riesigen Ausmasses in Kalimantan, entlang der 1800 km langen Grenze zu Malaysia, wo auch das Dorf Aruk liegt.

Negative Klimabilanz
Unter Klimaexperten ist Kalimantan ein Begriff. Hier wüten während der Trockenzeit die verheerendsten Waldbrände Indonesiens. Dabei werden ungeheure Mengen an Treibhausgasen frei, mit der Folge, dass Indonesien nach den USA und China für den höchsten Ausstoss an Kohlendioxid verantwortlich ist. Die Rauchwolken sind bis in die Nachbarstaaten Malaysia und Singapur zu spüren. Sie führen zu Atemproblemen, legen den Flugverkehr lahm und fügen den Nationalökonomien schweren Schaden zu.
Brandstifter sind in drei Viertel aller Fälle die Palmölunternehmen. Damit schaffen sie „degradiertes“ Land, auf dem sie viel einfacher die Lizenz für Plantagen erhalten. Zu den CO2-Emissionen aus den Waldbränden kommen die aus den an der Luft oxidierenden Torfböden hinzu. Fachleute stufen daher die Klimabilanz von Agrartreibstaoff aus Palmöl negativ ein. Kaum erforscht ist, inwieweit die„grünen Wüsten“, die endlosen Ölpalmmonokulturen, das Klima belasten und die globale Erwärmung noch weiter anheizen.

Ohne Arbeit, ohne Land
Kalimantan war vor einer Generation noch von dichtem Tropenwald bedeckt. Die indigene Bevölkerung, bekannt als Dayak, lebt im und vom Wald. Dann kamen die Holzbarone. Inzwischen ist die Hälfte des Waldes abgeholzt, und für die Dayak wird es schwer zu überleben. In wenigen Jahren nur wird der Tieflandregenwald verschwunden sein, wenn dem Holzeinschlag nicht sofort Einhalt geboten wird. Zusammenhängende Waldgebiete findet man nur noch in den Bergregionen; hier sollen die neuen Plantagen entstehen. Wald, der keinen monetären Profit erwirtschaftet, wird als „unproduktiv“ eingestuft. Er soll „produktiven“ Formen weichen, ebenso wie der „unproduktive“ Subsistenz-Ackerbau der industriellen Agrarwirtschaft weichen soll.

Nur wenige Menschen haben die Chance, in den Plantagen Arbeit zu finden oder als Kleinbauern von Ölpalmen leben zu können. Zwar erhofft die Regierung, dass fünf Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Doch in Indonesien sind 45 Millionen Menschen direkt und vollständig vom Wald abhängig. Erschwerend kommt hinzu, dass Arbeitskräfte häufig von anderen Inseln umgesiedelt werden. Die Menschen vor Ort, besonders indigene Völker wie die Dayak in Kalimantan, haben daher nicht nur Angst um den Verlust ihrer Existenz. Sie befürchten auch, zur Minderheit im eigenen Land zu werden.
Die Umwandlung von Wald und traditionellem Ackerbau in industrielle Landwirtschaft, die für den Energiebedarf der Industriestaaten produziert, verändert mit dem Agrarwesen die Besitzverhältnisse radikal. Internationale Multis teilen das Land unter sich auf, ohne sich um traditionelle Landrechte zu scheren. Die Folge ist, dass allein in West-Kalimantan fünfzig Konflikte zwischen Bevölkerung und Unternehmen lodern. Die um ihr Land betrogenen Menschen rebellieren, zerstören Setzlinge und zünden Gebäude der Unternehmen an.

„Wovon sollen wir leben?“
Nuzul und seine Familie müssen Mund und Nase mit Mullmasken schützen. Die Augen tränen, und die Kinder können nicht zur Schule gehen. Die Waldbrände machen den Menschen und Tieren das Leben zur Hölle. Und sie spüren die ökologischen Veränderung am eigenen Leib. In Aruk ist es trockener geworden, seit der Wald als Wasserspeicher fehlt. Trinkwasser ist knapp, denn die Ölpalmsetzlinge sind durstig, und der Fluss ist mit Pestiziden verseucht. „Wovon sollen wir leben?“ fragt Herlina, Nuzuls Frau. Sie verabscheut Gewalt. „Doch seit die Ölpalmunternehmen da sind, kennen wir nur noch Konflikte, Umweltzerstörung und Armut“, sagt sie.

Marianne Klute ist dipomierte Chemikerin und arbeitet als Verantwortliche für den bereich Umwelt bei Watch Indonesia!, einer Arbeitsgruppe für Demokratie, Menschenrechte und Umweltschutz in Indonesien und Osttimor.

Recht auf Leben, Land und Nahrung: Stimmen im Vorfeld der Klimakonferenz in Bali

Recht auf Leben, Land und Nahrung: Stimmen im Vorfeld der Klimakonferenz in Bali

von Marianne Klute

1. Dezember: Bali ein paar Tage vor der UNFCCC-Klimakonferenz COP 13. Noch sind die offiziellen Vertreter der Regierungen nicht vor Ort. Doch Bauern und Indigene, Mitglieder von sozialen und Umwelt-Bewegungen aus vielen Ländern dieser Erde sind schon da. Die Strände sind nicht mehr leergefegt, und die Bombenattentate scheinen für einen Moment aus dem öffentlichen Gedächtnis verdrängt. Gestern waren die Straßen noch leidlich passierbar, heute quälen sich Autos auf dem Weg ins Konferenzzentrum auf der Halbinsel Nusa Dua durch dichten Verkehr. An strategischen Punkten posieren fünftausend Soldaten, schwer bewaffnet mit Maschinengewehren. Bali ist heißer den je.

Vor der Klimakonferenz gehört Nusa Dua nicht nur den Waldschützer und Propagandisten des Handels mit Emissionszertifikaten. Viele zivilgesellschaftliche Gruppen sind präsent, vor allem aus den Ländern des globalen Südens. Sie sind gekommen mit dem festen Willen, ihre Stimme in die Verhandlungen um den Klimawandel und dessen, nach ihrer Ansicht rein kommerzieller und technischer, Bewältigung einzubringen.

„Wir erwarten nicht viel von der COP 13“, sagt Anita aus Kolumbien. „Hier werden nur Geschäfte verhandelt. Wir sollten uns bewusst sein, dass die Regierungen sich nicht für uns einsetzen werden. Aber wir sollten uns davon nicht ins Bockshorn jagen lassen.“

Dass die Erde heißer wird, ist für Rusdi aus Sumatra nicht zu bezweifeln. Ausbleibende Ernten, vertrocknende Felder, unbekannte Wetterphänomene sind die Realität seines Lebens als Bauer. „Früher konnten wir abschätzen, wann es regnet. Früher wussten wir, wo die guten Wasserquellen sind. Heute ist alles anders. Der Wald ist weg, und das Wasser auch.“ Von ähnlichen Erfahrungen berichten auch die Teilnehmer aus Südamerika, Afrika und dem Pazifik. Die Armen spüren die Folgen der Erderwärmung längst am eigenen Leib.

Doch nicht nur der Klimawandel, auch die globale Klima und Energiepolitik wirft ihre Schatten auf die verschiedenen Weltregionen. Eine der „grünen Lösungen“ zur Bewältigung der Energiekrise und zur Reduzierung der Emissionen heißt in viele Ländern: Bioenergie, Biomasse und Agrotreibstoffe. Megaplantagen und Monokulturen sind weltweit in Planung, weit über die Landesgrenzen hinaus. Schon kaufen sich internationale Unternehmen Wald in Indonesien, und indonesische Unternehmen setzen sich in der Region Amazonas fest, um auch dort ihr Palmöl zu produzieren. Angeblich zur Armutsbekämpfung geeignet, schaffen sie neu Armut.

Eine andere „Lösung“, die auf Emissionshandel setzt, soll in Bali verhandelt werden. Bisherige Mechanismen des Kyoto-Protokolls zur Reduzierung von Emissionen haben versagt. Weder wurden die Treibhausgas-Emissionen reduziert noch die Zerstörung der Ökosysteme aufgehalten. Stattdessen, so analysieren Kritiker, hat der Kohlenstoffhandel das Verschwinden der Regenwälder weiter beschleunigt. In Bali werden die offiziellen Konferenzteilnehmer nun neue Mechanismen verhandeln.

REDD heißt das von der Weltbank propagierte Programm, Reduced Emissions from Deforestation and Degradation. REDD ist kein Zauberwort zum Schutz der Waldökosysteme, sondern nichts anderes als ein Finanzinstrument, mit dem für Emissionen bezahlt wird, indem ausgewählte Wälder erhalten werden sollen.

Zwar stehen diese neue Mechanismen erst vom 11. bis 14. Dezember auf der Tagesordnung, doch offensichtlich geht man davon aus, dass sie etabliert werden, denn überall auf der Welt bietet sich das gleiche Bild: der Wettlauf um Wald und Land hat begonnen. Regierungen und Privatunternehmen sichern sich Land, die wahrscheinlichen Profite aus dem REDD-Programm vor Augen.

„Klar, unsere Regierungen kommen nach Bali, um an Geld zu kommen“, sagt Abene aus Uganda. Die Folgen sind verheerend, nicht nur in Afrika. Bauern und Indigene verlieren ihr Land, und der traditionelle Landbesitz löst sich auf. Land wird zur Kommodität des Marktes, wobei Verträge ausschließlich zwischen Regierungen und Industrien abgeschlossen werden. Abene: „Die Mächtigen verkaufen die Rechte der Indigenen.“

Die afrikanischen Nichtregierungsorganisationen sind überzeugt, dass nicht eine ihrer Regierungen ihre Haltung zu Umwelt und Konsum wirklich verändert hat. Sie alle würden die Diskussion um die Klimaveränderung nur als wunderbare Gelegenheit betrachten, Geld zu machen. „To make money from the forests. Wenn wir den Wald schützen, soll dafür bezahlt werden.“

Die Regierung von Paraguay, so Simone, ist sehr damit beschäftigt, Verträge nach dem REDD-Modell zu unterzeichnen, ohne dass grundsätzliche Probleme wie die Frage der Landrechte und der Rechte der Indigenen angegangen werden. Sie droht den Industriestaaten, das gültige Holzeinschlagsmoratorium wieder rückgängig zu machen, wenn dafür kein finanzieller Ausgleich fließt.

Dies sind nur einige Beispiele aus einer Vielzahl, die beweisen, dass Modelle der Finanzierung von Environmental Services in Kombination mit strukturell tief verankerter Korruption und schlechter Regierungsführung jede mögliche gute Absicht ad absurdum führen werden.

Eine der großen Fragen ist, was die Folgen neuer Finanzmodelle zum Erhalt der Wälder als Kohlenstoffsenken und zur Wiederaufforstung für die Indigenen sein werden. Oder welche Auswirkungen der Trend hat, Ölpalmen und Sojabohnen großindustriell anzubauen und die daraus produzierten Agrotreibstoffe als alternative Energien zu verkaufen. Die Indigenen sind überall auf der Verliererseite, denn es geht um ihr Land. Wem aber gehört das Land?

Ein ungelöstes Problem, besonders in der Region Asien-Pazifik, ist die dringend notwendige Landreform. Souverän über Land, Luft, Wasser und die darin enthaltenen Ressourcen ist bisher der Staat und nicht das Individuum, die Familie oder die Gemeinschaft. Mit einem Federstrich auf dem grünen Tisch werden ganze Dörfer hinweggefegt, um Platz für die Plantagenindustrie oder „Kohlenstoffsenken“ zu machen. Die asiatischen Nichtregierungsorganisationen befürchten, dass die Landreform dem Modell Australiens und Neuseelands nacheifert, wo die indigenen Aborigenes und Maori ihr Land verloren haben.

Wie ist die Haltung der Indigenen selbst zum Kohlenstoffhandel? Die Indigenen sagen, sie brauchten eine Möglichkeit, daran zu partizipieren. Bisher wird Partizipation nicht praktiziert, und wenn, dann in Form betrügerischer Machenschaften, wobei Investoren die Chiefs der Indigenen über den Tisch ziehen. Daher lehnen die Indigenen Kohlenstoffhandel nach dem neuen REDD-Modell ab.

Erst in diesem Jahr hat die UN die Konvention zu Indigenen verabschiedet. Die meisten Staaten, außer den USA, Kanada, Australien und Neuseeland, haben die Konvention unterzeichnet. Das heißt, auf internationaler Ebene sind ihre Rechte anerkannt. In der Indigenen-Konvention ist in mehrfacher Weise das Prinzip des Free, Prior and Informed Consent verankert. Dies Prinzip lässt sich aber leicht manipulieren.

In Indonesien, so Arief, ist es nicht allein das fehlende Recht der Indigenen auf Land. Sie sind in der Realität mit weiteren Problemen konfrontiert: mit dem Zuzug von Transmigranten und Zuwanderen auf ihr Land, mit daraus resultierenden horizontalen und vertikalen Konflikten, mit alltäglichem Rassismus. Unter den Folgen der Klimaveränderung leiden sie zwar, aber es ist nicht ihr Hauptproblem, sondern nur eines von vielen. Mit den neuen Mechanismen des Kohlenstoffhandels kommt neuer Zündstoff dazu, der das Potential hat, Gemeinschaften und Gesellschaften zu spalten, mit allen damit verbundenen praktischen und ethischen Problemen.

Viele der zivilgesellschaftlichen Gruppen, besonders aus dem globalen Süden, kritisieren daher grundsätzlich, dass die aktuelle Debatte um Emissionen und Entwaldung viel zu eng ist. Es gehe darin gar nicht um ökologische oder soziale Aspekte, sondern die Diskussion beschränke sich auf einen Einzelaspekt, auf die Reduktion bzw. den Ausgleich von Emissionen. Die zu erwartenden Antworten korrespondierten mit der Einseitigkeit der Problemstellung. Es sind nur auf Marktmechnismen beruhende finanzielle und technologische Lösungsansätze, die in Bali zur Debatte stehen. Diese würden die Ursachen des hohen Energieverbrauchs auf der einen Seite und die treibenden Kräfte für die Zerstörung der Wälder auf der anderen Seite nicht in Frage stellen.

So wichtig die Stimmen aus den Staaten des Südens auch sind, es reicht nicht, wenn sie sich nur beschweren, dass die Klimapolitik zu ihren Lasten geht. Ihre Stimmen sollten von den offiziellen Vertretern in Bali auch gehört werden, damit etwas zum Positiven verändert wird. Die soziale Bewegung weiß dies.

Die derzeitige Diskussion um den Klimawandel und die Klimapolitik muss daher in eine andere Richtung geleitet werden: Weg von der Beschränkung auf Finanzinstrumente, hin zu einem holistischen Ansatz, weg von technischen Lösungen auf Kosten anderer, hin zu demokratischer Beteiligung aller Betroffenen, weg von den Marktrechten von Verkäufern und Käufern von Emissionszertifikaten, hin zu verankerten Rechten auf Leben, Land und Nahrung für alle Menschen.

NGOs müssen die mit dem Konzept des Kohlenstoffhandels verbundene Ungerechtigkeit addressieren. Sie müssen das Paradigma, dass der Markt alles bestimmt, herausfordern. Sie müssen Menschenrechte und Demokratie einfordern.

„Wir zahlen die Zeche für die hohen Emissionen des Nordens“, sagt Dinar aus Indonesien. „Wo bleibt die Klimagerechtigkeit?“ Auch, wenn die Industriestaaten es schaffen würden, ihre hohen Emissionen tatsächlich zu reduzieren, auch, wenn die steigenden Emissionen aus den Wachstumswirtschaften Chinas und Indiens mit in die Rechnung einfließen würden, auch, wenn es rechnerisch genügend Wald gäbe, auch, wenn irgendwann sämtliche anderen ökologischen und sozialen Probleme gelöst werden würden, so bleibe doch eine historische Schuld der Industriestaaten für zweihundert Jahre aggressiven und zerstörerischen Lebenswandels.