Marianne Klute, Watch Indonesia!
Alarmsignal: Papua hat die höchste HIV/AIDS-Rate von Indonesien
Zum neuen Schuljahr bekommen Mittel- und Oberschulen in Merauke ein neues Fach: AIDS-Kunde. Die Schulbehörden springen dabei über ihren eigenen Schatten, denn bisher gab es noch nicht einmal Sexualkundeunterricht. Die Einführung von AIDS-Kunde erscheint längst dringend notwendig, denn der abseits gelegene Distrikt Merauke weist die höchste Rate an HIV-Infizierten von ganz Indonesien auf.
Otniel weiß nicht, was AIDS und HIV sind. Otniel ist 14 Jahre alt und wohnt in einem Dorf eine gute Stunde Fahrt von der Distrikthauptstadt Merauke entfernt. Die Schule hat er nur in der Regenzeit besucht, wenn es im Dorf Wasser gibt, und auch dies nur vier Jahre lang. Sein Onkel Jeremias ist länger zur Schule gegangen, in eine Missionsschule. Jeremias glaubt, AIDS sei etwas Schreckliches, dass von AUSAID, dem australischen Hilfsprogramm, nach Papua gebracht worden ist. Mit ihrem Unwissen stehen sie nicht allein; die Hälfte aller Papua haben, einer jüngsten Studie der Indonesischen HIV/AIDS-Kommission zufolge, noch niemals von AIDS und HIV gehört.
Die Unkenntnis ist sicherlich nicht überraschend. Papua hat äußerst geringe Infrastruktur und mangelhafte Schul- und Gesundheitsversorgung. Fernsehen, Radio und erst recht Tageszeitungen sind wenig verbreitet. Die Bevölkerung insbesondere im schwer zugänglichen Hochland hat kaum Zugang zu Informationen.
Große Entfernungen, zerklüftete Hochgebirge und fehlende Infrastruktur sind jedoch keine Barrieren für die rasante Verbreitung von HIV/AIDS in Papua. Im Gegenteil; die Infektion ist in Papua präsenter als im übrigen Indonesien. 2006 waren den Gesundheitsämtern 2.703 Fälle gemeldet. Die Anzahl der Infizierten wird mit 29.390 Personen geschätzt. Bei einer Gesamtbevölkerung von 2,5 Millionen sind dies 1,18%, während die prevalence in Gesamtindonesien nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation unter 0,1% liegen soll. Die Verbreitung der Pandemie in Papua ist eher mit der in Cambodia, das die höchste Infektionsrate in Asien aufweist, vergleichbar. Verschiedene Autoren sehen Parallelen der Verbreitung von HIV in Papua mit Verbreitungsmustern in melanesischen Staaten. Andere Stimmen befürchten, in wenigen Jahren könnten in Papua Zustände wie im Afrika südlich der Sahara herrschen.
In den letzten drei Jahren stieg vor allem die Anzahl Infizierter unter den Jugendlichen von 15-19 Jahren, die mittlerweile 8,3% aller HIV-Träger ausmachen. Immer mehr Frauen und Kinder sind Virusträger. Besonders beunruhigend ist, dass es heute auch in den entlegendsten Dörfern Infizierte, Kranke und Tote gibt. Die Infektion verbreitet sich in der allgemeinen Bevölkerung epidemisch aus, weshalb Fachleute heute von AIDS in Papua als einer generalized infection sprechen. Diese Entwicklung zeigt, dass speziell in Papua, anders etwa als in Indonesiens Hauptstadt Jakarta, nicht nur Risikogruppen betroffen sind und dass HIV/AIDS kein Phänomen der Sexindustrie, der Schwulenszene und der Drogenabhängigen ist.
Die Regierung hat auf den Trend reagiert. Das Budget für die Bekämpfung von AIDS wurde drastisch erhöht, wobei Papua den Löwenanteil erhalten soll. Außerdem wurde im letzten Jahr eine besondere AIDS-Bekämpfungs-Kommission (Komisi Penanggulangan AIDS) ins Leben gerufen, mit Niederlassungen in den einzelnen Provinzen. Zu deren Aufgaben gehören in erster Linie, die Verbreitung von HIV und AIDS unter Kontrolle zu bringen und für die Behandlung der Betroffenen zu sorgen. Darüberhinaus soll die Kommission auch Daten erfassen und forschen. Die Kommission sieht den Trend hin zu steigenden Raten an Infizierten und Erkrankten ungebrochen, doch eines ihrer Forschungsergebnis ist besonders auffallend: die Verbreitungsrate in Papua ist 15-mal so schnell ist wie im übrigen Indonesien.
Auch in Papua ist die AIDS-Kommission (Komisi Penanggulangan AIDS Provinsi Papua) aktiv. Sie steckt viel (australisches) Geld in Werbung und warnt in Tageszeitungen mit halbseitigen Anzeigen, auf denen eine nachdenkliche männliche Gestalt den Lesern ins Gewissen spricht: „Schütze Papua mit Kondomen vor HIV“. Meterhohe Werbetafeln vermitteln in den Städten die gleiche Botschaft.
Die Papua-AIDS-Kommission hat darüber hinaus eine Menge interessanter Daten erfasst, wann Jugendliche zum ersten Mal Sex haben (mit plus/minus 19 Jahren), ob sie mehrere Partner haben (20% der jungen Männer sagten: JA, aber nur 8% der Frauen), ob sie in die Disko gehen (WO?), dass die AIDS-Rate im Hochland höher ist als in den Städten (dabei wurde ein eindeutiger Zusammenhang von Infektionsrate mit dem Bau von Infrastruktur gefunden, nach dem Motto: Straße in die Infektion). An einem gewissen ungenannten Ort hat die Kommission die Sexarbeiterinnen medizinisch untersucht (ausnahmslos alle 250 Frauen hatten das Virus in sich).
Auch Papuas Gouverneur Suebu hat die alarmierenden Zeichen erkannt und verspricht, der Bekämpfung des HI-Virus Priorität einzuräumen. In 2.500 Dörfern in allen Distrikten sollen die Gesundheitsposten entsprechend ausgestattet werden, um Medikamente und Kondome verteilen zu können.
Ein Umdenken und möglicherweise ein Paradigmenwechsel beim Umgang mit HIV/AIDS in Indonesien ist sicherlich zu beobachten. Nachdem das Ausmaß der Problematik zehn Jahre lang totgeschwiegen wurde, ist es in Indonesien nun öffentlich. Doch Regierungsansätze und Bestellung der staatlichen AIDS-Kommission für Papua, so notwendig sie auch sind, sind vor dem Hintergrund der realen Situation eher als Zeichen des Kniefalls vor der Fülle der Fälle zu verstehen, und weniger als Initiative einer neuen Denkungsart.
So sind bisher die ehrgeizigen Kampagnen für Kondome ziemlich erfolglos geblieben. Immer noch haben nur 17% der Papua überhaupt Zugang zu Kondomen – und Zugang ist nicht gleichbedeutend mit Benutzung (auch diese Daten hat die Kommission erfasst: 12%). Die Ursachen sind vielfältig: Religiöse Ressentiments, fehlende Infrastruktur und Armut. Hauptursache aber sei, so die staatlichen Verantwortlichen, das Desinteresse der Papua an sicherem Sex.
Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: geschützter Sex sei kulturell in Papua nicht verankert. Dagegen seien Trinkgelage und Besäufnisse beliebt, und in deren Folge komme es eben zur Ansteckung. Oder das Geld sei Schuld, zum Beispiel werde das von Freeport zur Verfügung gestellte Geld anstatt für die Dorfentwicklung in Alkohol und käuflichen Geschlechtsverkehr umgesetzt. Nicht zuletzt spielten die politischen Veränderungen der letzten Jahre eine gewisse Rolle: Papua hat seit 2001 den Status einer autonomen Provinz, weshalb ihr ein Gutteil der in Papua direkt erwirtschafteten Gelder zustehen. Durch die Teilung der Provinz in zwei Provinzen (Papua und Papua Barat) und die Schaffung neuer Distrikte sind neue Beamtenposten mit entsprechendem Zugang zu finanziellen Mitteln geschaffen worden.
An allen diesen Studien ist etwas Wahres dran. Es stimmt, einige Papua saufen, huren und werfen das Geld zum Fenster raus, wenngleich selten für Kondome. Aber es ist nur die halbe Wahrheit, diejenige Hälfte der Wahrheit, die den Wald vor Bäumen nicht sieht, sprich: die das Verhalten ohne den gesellschaftlichen und politischen Kontext betrachtet. Sämtliche Studien und Werbetafeln suggerieren, die Verantwortung liege allein im Bereich der persönlichen Entscheidung, Kondome zu benutzen oder nicht. Staatliche und nicht-staatliche Institutionen könnten das Problem lösen, indem sie eine entsprechende Umgebung schaffen, aufklärerisch wirken und für die Verteilung der Kondome sorgen. Doch wird es nicht reichen, Kondome zu verteilen und für „Safer Sex“ zu plädieren. Erstens gibt es von Seiten der Kirchen und islamischen Ulama Widerstand gegen die Kondom-Kampagnen. Zweitens verkennt die offizielle Darstellung die tiefer liegenden, über kulturelle Gewohnheiten und persönliche Vorlieben der Beteiligten hinausgehenden Ursachen der AIDS-Seuche in Papua.
Papua ist abgelegen und wenig entwickelt, doch isoliert ist es nicht. Der Reichtum an Gold und Holz lockt internationale Unternehmen und indonesische Arbeitskräfte an. Seit Jahrzehnten verfolgt Jakarta außerdem eine bewusste Transmigrationspolitik, die Hunderttausende ins Land geführt hat, so dass die indigenen Papua selbst inzwischen Minderheit auf eigenem Boden sind und mittlerweile noch knapp die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachen. Mit den Industrieunternehmen, Holzfällern und Militärs kommt eine in Papua unbekannte Form der Sexindustrie ins Land. Alle Hinweise deuten darauf hin, dass hier die Quelle der Pandemie zu finden ist.
Lange nahm Timika die Vorreiterrolle ein, AIDS-Stadt Nummer Eins zu sein. Die Ursache ist sogar auf Satellitenaufnahmen zu erkennen: Nicht weit von Timika liegt die weltgrößte Gold- und Kupfermine Freeport, ein kraterähnliches Loch von gewaltigen Ausmaßen. Hier arbeiten Tausende von Fremden, aus dem Ausland und aus anderen Teilen von Indonesien. Nebenbei entstand hier ein Zentrum für industriellen Sex. Timika war der Anfang, dann brach auch an anderen industriellen Schnittstellen AIDS aus, zum Beispiel in den vielen illegalen Goldschürfgebieten, in denen die Goldmafia ihren Arbeitern schnellen Sex vermittelt.
Die meisten Erkrankten allerdings, auf Indonesisch knapp ODHA (orang hidup dengan HIV/AIDS) genannt, fordert der Kahlschlag der Regenwälder. Nirgendwo sonst sind so viele Papua direkt in illegale Aktivitäten involviert, sei es, dass sie die Bäume selbst fällen, sei es, dass sie Stämme aus dem traditionellen Gemeindewald verkaufen – und ihre Dienstleistung mit Sex bezahlen lassen. Und so gelangt das Virus auch ohne Straßen und Eisenbahnen in die abgelegenen Gegenden: Mit dem Hubschrauber werden Sexarbeiterinnen aus den Städten in die Holzeinschlags- und Goldschürfgebiete geflogen. Der Geschlechtsverkehr verläuft ungeschützt, und der Mann trägt das Virus nach Hause, zu seiner Frau und zu dem Kind, das sie in sich trägt. Kulturell bedingte Besonderheiten mögen dann für die rasante Weitergabe des Virus sorgen.
Hotspots der HIV-Pandemie sind daher dort zu finden, wo die Ausbeutung der Naturressourcen Gold und Kupfer und Holz viel Geld ins Spiel bringt, vor allem dort, wo die wertvollen Adlerholzbäume (eng. Agarwood, ind. Gaharu) wachsen, aus denen kostbares Parfüm und Räucherwerk gewonnen wird, und das ist der Distrikt Merauke, wo Otniel und sein Onkel Jeremias wohnen.
Eine andere Wahrheit ist daher von Studenten, Nichtregierungsorganisationen, Anti-AIDS-Gruppen und Privatpersonen zu hören. Diese Kreise haben, wenngleich unter großen Schwierigkeiten, schon Infizierte betreut, bevor die Regierung auf den Plan trat. Ihre Erfahrung in der täglichen Praxis ist die Erfahrung von Diskriminierung, Marginalisierung und Armut der Papua. Denn trotz des Reichtums an Ressourcen leben die meisten Papua unterhalb der Armutsgrenze, wegen des Reichtums hat die indonesische Regierung und speziell das Militär Papua fest im Griff.
Es bleibt nicht aus, dass NGOs mit der schwierigen Lebenssituation der Papua konfrontiert sind und dass sie vernachlässigte Krankenhäuser und mangelhaften Gesundheitsdienst beklagen. Dies führt zwangsläufig dazu, dass sie Kritik an der mit der Ausbeutung der Natur verbundenen Praxis des Industriesexes ausüben und die strukturellen und politischen Bedingungen, unter denen die Papua leben, hinterfragen. Ihre Kritik wird von nationalistisch gesinnten Entscheidungsträgern in Jakarta häufig als Zersetzung des politischen Systems eingestuft. Im Nu finden sich NGOs, die mit HIV-Infizierten arbeiten, als Unterstützer der Unabhängigkeitsbewegung verdächtigt.
Vielfach werden NGOs in Papua daher, trotz des Quantensprungs in den indonesischen Anti-AIDS-Kampagnen, in ihrer Arbeit behindert. Nicht von ungefähr widmete die Sonderberichterstatterin der UN, Frau Hina Jilani, die im Juni im Rahmen ihrer Indonesienreise auch Papua besuchen konnte, dem Umgang mit der HIV/AIDS-Problematik besondere Aufmerksamkeit. Sie drückte ihre Besorgnis aus, dass Menschenrechtsverteidiger, die sich der HIV/AIDS-Infizierten annehmen, keinerlei Schutz genießen, wenn sie heikle Themen, wie die Rechte der Betroffenen ansprechen oder Öffentlichkeitsarbeit machen. Frau Hina Jilani benennt ausdrücklich die Stigmatisierung der Aktivisten und appelliert an die indonesische Regierung, diesem Trend etwas entgegenzusetzen.
Ihre Worte drücken mit aller Deutlichkeit aus, dass das eigentliche Problem nicht die Infektion ist. Es ist auch nicht der schwierige oder gar aussichtslose Kampf gegen die Verbreitung der Krankheit, sondern die starre Haltung Jakartas, jedwede kritische Haltung, und sei sie nur Kritik am Gesundheitswesen in Papua, als staatspolitisch gefährdend einzustufen.
Wie schwer der Knoten zu lösen ist, wird an der in Papua verbreiteten Auffassung deutlich, alles Übel komme von außen, und AIDS sei mit Absicht ins Papualand gepflanzt worden. „Bewusst werden infizierte Sexarbeiterinnen nach Papua gebracht, um das Virus zu verbreiten und uns Papua zu vernichten“, behaupten studentische Kreise. Zum Beispiel sei in Jayapura ein Säugling mit Durchfall ins Krankenhaus eingeliefert und später mit HIV infiziert entlassen worden. „Eine gewollte Infektion!“ meint die Nachbarin und ist überzeugt, dahinter stecke die Absicht, die indigenen Papua zu dezimieren.
Ob diese Auffassungen einen Teil der Wahrheit enthalten, ist schwer zu entscheiden. Zumindest spiegeln sie das abgrundtiefe Misstrauen wider, das das Leben der Papua prägt. Das Gefühl ausgeliefert zu sein und die Kontrolle über das persönliche Leben verloren zu haben. An Misstrauen und Kontrollverlust werden die bestausgestatteten Kondom-Kampagnen kaum etwas ändern können; im schlimmsten Fall werden sie als weiteres Mittel staatlicher Kontrollmechanismen verstanden werden.
Von all dem weiß Otniel nicht viel. Er weiß nur, dass er demnächst, wie schon sein Onkel Jeremias vor ihm, die familieneigenen Gaharu-Bäume verkaufen wird. In den Genuss des neuen Faches AIDS-Kunde kommt er nicht mehr. Die Straße in die Perspektivlosigkeit ist ihm sicher, vielleicht auch die Straße in die Infektion. Ein Ausweg liegt nicht in seiner Macht.
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Website der staatlichen AIDS-Bekämpfungs-Kommission:
http://www.ihpcp.or.id/region_detail.aspx?mn=6&bhs=1&id=11
Neuere offizielle Angaben unter: Statistics Indonesia and Ministry of Health (April 2007): Risk Behaviour and HIV Prevalence in Tanah Papua 2006; see http://siteresources.worldbank.org/INTINDONESIA/Resources/Publication/PapuaHIV_en.pdf
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Die Autorin ist Mitarbeiterin von Watch Indonesia! in Berlin und hat kürzlich Papua besucht.
